06.12.2018: RGA: Neues Baumsterben bedroht den Forst

Dürrejahr 2018

Neues Baumsterben bedroht den Forst

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Diese Luftaufnahme mit einer Drohne zeigt exemplarisch durch die extrem lange Trockenheit geschädigte Fichten.
© Thomas Frey / dpa

Markus Wolff referierte erste Eindrücke über das „Dürrejahr 2018 und die Folgen“.

Eine Gesamtbilanz des „Dürrejahrs“ 2018 vermag der Forst noch nicht zu ziehen, sagte Markus Wolff, Leiter des Forstbetriebs der Technischen Betriebe Remscheid (TBR), in der jüngsten Sitzung des Betriebsausschusses. Schäden könnten sich auch in Folgejahren noch zeigen. Wolff erinnerte an den Sturm „Frederike“ – auf den Tag elf Jahre nach „Kyrill“ –, der in Nordrhein-Westfalen 20 Millionen Festmeter (fm) Holz vernichtete. Die Böden waren bis in 1,8 m Tiefe „außergewöhnlich trocken“.

Ein weiteres Phänomen neben Hitze und Sturm ist der Borkenkäfer („Buchdrucker“ und „Kupferstecher“). In Bergneustadt ergab die Analyse eines (!) Baums 1600 Altkäfer, 29 000 Larven, 4000 Puppen und 471 frische „Muttergänge“. Wolff: „Das bedeutet hochgerechnet, dass derselbe Baum 2019 mit 1,5 Milliarden Käfern fertig werden muss.“ Er schilderte die aktuell diskutierte Idee, abgestorbenen Bäume stehenzulassen und die noch verwertbaren zu schlagen. Abgesehen vom Erscheinungsbild, würden die geschlagenen Schneisen zu viele Angriffsflächen insbesondere für Stürme bieten.

 

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„Wir wünschen uns ein paar Millionen Spechte mehr“, sagte der Geschäftsbereichsleiter Forstwirtschaft im Ausschuss. Die empfänden Borkenkäfer als willkommene Nahrungsquelle. Der Forst überlege zurzeit mit Ordnungsdezernentin Barbara Reul-Nocke und der Feuerwehr, welche Vorsichtsmaßnahmen angesagt sind – eingedenk der Tatsache, dass in Remscheid 60 Prozent der Waldflächen in meist kleinteiligen Parzellen Privateigentum sind. Da komme es vor, dass die Besitzer sich nicht mehr um ihre Flächen kümmerten und der Forstbetrieb Abwehrmaßnahmen ergreife – „auch gegen den Willen der Besitzer“. Wolff erwartet ein „spannendes, aufreibendes Jahr 2019“. Im Hinblick auf waldnahe Siedlungen sagte er voraus: „Auch Fichten-Hecken müssen weg!“

Bestände geben neun Jahre nach Kyrill Anlass zur Hoffnung

Er erinnerte an den Beschluss des Betriebsausschusses, einen multifunktionalen, ertragsreichen „Dauerwald“ vorzuhalten. Es sei fraglich, ob das Tempo des Klimawandels noch zulasse, diesen einzurichten und vorzubereiten. Ziel sei die Entwicklung stabiler und strukturreicher Bestände – genau dafür hatte Wolff ein positives Beispiel mitgebracht: Er zeigte einen Bestand an der Neye-Talsperre, der durch Kyrill erheblich geschädigt worden war und heute Hoffnung wecke: „Neun Jahre später sieht es erkennbar besser aus!“ Besonders erfreulich sei, dass es heute statt einer einzigen Baumart (Fichte) derer 14 gebe – dass diese gescheit gelenkt würden in ihrem Wachstum, könne er garantieren, sagte Wolff auf Anfrage von York Edelhoff (SPD). „Wir sind sicher“, fügte er hinzu, „dass wir auf einem guten Weg sind.“ Und wie wird das gemacht? „Indem wir Rehe schießen – anders funktioniert das nicht.“ Hintergrund: Rehe fressen vorzugsweise Knospen und Keime, vernichten also Nachwuchs.

WALDWIRTSCHAFT

WAS TUN? Sven Chudzinski (FDP) wollte wissen, was gegen den Borkenkäfer zu tun sei. „Die chemische Keule kommt für die TBR nicht in Frage“, stellte Markus Wolff mit Blick auf Buchdrucker und Kupferstecher voran. Man müsste dann vergiftete Be-reiche absperren.

GRUNDSATZ Mit ca. 31 % Wald hat Remscheid eine großzügige grüne Umgebung, die das Stadtforstamt mit dem Ziel betreut; ökologisch vielfältige und stabile Wälder zur Sicherung des Naturhaushaltes zu schaffen. Die Bewirtschaftung des hiesigen Waldes erfolgt nach ökologisch ausgerichteten Kriterien naturgemäßer Waldwirtschaft.

Der Forst erwarte 2019 Probleme auch mit Laubbäumen wegen der Hitze 2018. Dem aktuellen Landesbericht zufolge seien 72 Prozent der Laubbäume geschädigt – so ein schlechtes Ergebnis gab es 40 Jahre lang nicht mehr. Jürgen Kucharczyk (SPD) fragte nach den Konsequenzen für den Wasserhaushalt der Umwelt (Natur), wenn nur kranke und tote Bäume „stehenbleiben“ sollten. Wolffs Antwort fiel eindeutig aus: „Wir brauchen ein öffentliches Bewusstsein dafür, dass wir ein Riesenproblem haben!“

Der Bundestag habe gerade für Nordrhein-Westfalen 328 000 Euro bereitgestellt – das sei „ein feuchter Fliegenfurz“! Wenn Landwirte jammern, fließen sehr schnell Milliardenbeträge. „Wir stehen vor einem neuen Waldsterben – und die Politik gibt Almosen!“

 

Von Thomas Wintgen

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